Ein Leben für die Einheit -

Pater Michael Marmann verstorben

Jesus Christus spricht:
„Vater, ich bitte dich: Alle sollen eins sein,
wie wir eins sind,
ich in ihnen und du in mir.“
(Joh 17, 22)

 

Überraschend schnell hat der „GOTT DES LEBENS“ in den späten Abendstunden des 26. Februar 2019 unseren Mitbruder, Pater Dr. Michael Johannes Marmann, heimgerufen in den ewigen SION.
Mit der ihm eigenen geistigen Beweglichkeit hat sich Pater Marmann selbst rasch darauf eingestellt, dass ein Mitte Januar entdeckter, bereits weit fortgeschrittener Krebs an der Bauchspeicheldrüse ihn in den nächsten Wochen an die Schwelle des Todes führen werde.

Mit dem Heimgang unseres lieben Verstorbenen ist eine zentrale Gestalt der Schönstatt-Patres und der Internationalen Schönstatt-Bewegung heimgekehrt in das Reich des himmlischen Vaters.

Michael Marmann wurde am 16. September 1937 als Sohn der Eheleute Hans und Elisabeth Marmann und als zweitältestes von vier Geschwistern in Berlin geboren. Seine Kindheit und Schulzeit verbrachte er in Allenstein, Stuttgart und Bonn / Bad Godesberg – nicht zuletzt bedingt durch den beruflichen Werdegang seines Vaters im Diplomatischen Dienst.

Nach dem Abitur studierte Michael Marmann Philosophie und Theologie in Bonn und München. Am 12. Juli 1963 wurde er von Joseph Kardinal Frings im Kölner Dom zum Priester geweiht.

Mit der Entscheidung des Abiturienten für den geistlichen Beruf waren zwei Charakteristika verknüpft: eine genuine, erfahrungsmäßig gewachsene Frömmigkeit auf der einen Seite, aber auch eine nicht minder gegebene Offenheit für alles moderne Leben, wahrnehmbar an einem mitunter etwas unkonventionellen Lebensstil und einer engagierten Auseinandersetzung mit der autonomen Kunst der Spätmoderne.
Beide Komponenten weckten in den Bonner Studienjahre sein Interesse besonders für Denken und Person des damals jüngsten Konzilstheologen und Systematikers Josef Ratzinger, seines späteren Doktorvaters und allseits "verehrten Lehrers".

Um die Zeit seiner Priesterweihe wurde Michael Marmann aufmerksam auf die Bestrebungen der Schönstatt-Bewegung und ihres in jenen Jahren von der Amtskirche von seinem Werk getrennten Gründers Pater Josef Kentenich.
Als junger Kaplan der Kölner Erzdiözese verband er die Erlaubnis von Seiten des Bistums, seine in den USA lebenden Eltern zu besuchen – sein Vater war damals Generalkonsul in New Orleans – mit der eigenständigen Initiative, insgeheim Pater Kentenich an seinem Exilsort Milwaukee aufzusuchen und kennenzulernen.

Die Begegnung mit dem Gründer der Schönstatt- Bewegung wurde für ihn zu einem lebensentscheidenden Datum: Er entschied sich zum Eintritt in das damals neu entstandene Säkular-Institut der Schönstatt-Patres und zum pastoralen Engagement im Raum der Apostolischen Bewegung von Schönstatt.

Im Jahre 1983 wurde er zum Leiter der Schönstatt-Bewegung in Deutschland gewählt – als erster, der nicht zum früheren Mitarbeiterkreis Pater Kentenichs gehörte.     
Als Leiter der Bewegungszentrale war es sein Anliegen, die Grundkräfte der Gründung zu verlebendigen ("verheutigen") und in Verbindung zu bringen mit der nachkonziliaren Entwicklung der Kirche. Die gesellschaftlich zugespitzte Situation der siebziger Jahre – Baader-Meinhoff-Terrorismus, Euro-Kommunismus in Westeuropa, Normendiskussion in sozialethischen Fragen, Fluchtbewegung aus der damaligen DDR und den Ländern Ost-Europas – weckte in der Schönstatt-Bewegung im Ursprungsland Schönstatts eine spezielle Verantwortungsbereitschaft für Deutschland und seinen Weg in die Zukunft. Sie fand ihren Ausdruck in einem stellvertretenden "Liebesbündnis für unser Volk" (1984) – gleichsam am Vorabend der "Wende". Bündnisschluss und Bündelung der Strömung waren nicht denkbar ohne den Weitblick und das Engagement des damaligen "Bewegungsleiters" Pater Marmann.

In zunehmendem Maße spürte Pater Marmann indessen eine besondere Verantwortung für die Fragen und Herausforderungen der Schönstatt-Bewegung in einer ersten Phase nach dem Heimgang Pater Kentenichs im Jahr 1968. Es ging dabei insbesondere um die Einheit der vielfältigen Gliedgemeinschaften des Werkes und deren weltweite Wirksamkeit. Gleichzeitig spürte Pater Marmann eine deutliche Mitverantwortung für seine noch im Aufbau begriffene eigene Gemeinschaft, vor allem in verschiedenen Ländern Europas und Lateinamerikas.

Nach der Berufung seines Vorgängers Pater Franz-Xaver Errazuriz in eine weltkirchliche Verantwortung wählte das Generalkapitel der Schönstatt-Patres im Jahr 1991 Pater Marmann zum Generalobern der Gemeinschaft, der nach dem Willen des Gründers auch den Vorsitz im Generalpräsidium der Schönstatt-Bewegung innehat, dem obersten Repräsentationsgremium des internationalen Werkes.

Den Leitungsstil unseres verstorbenen Generaloberen kennzeichnete eine große Dialogbereitschaft und Kontaktfreudigkeit nach innen und nach außen. Er verkörperte in gewisser Weise etwas vom geschwisterlich-demokratischen Grundzug einer konziliar-synodalen Kirche. Seine durchaus vorhandene Führungsbereitschaft war verbunden mit einem hohen Maß an Flexibilität und diplomatischem Geschick – wohl ein Erbe seines Vaters. Mit der Bereitschaft zu Neuanfang und Versöhnung angesichts von Spannungen und Konflikten konnte man bei ihm immer rechnen. Sehr oft tat er den ersten Schritt.
In die Amtszeit Pater Marmanns fiel die internationale Feier des 50-jährigen Jubiläums des sog. „3. Meilensteins“ der Schönstattgeschichte in Bellavista / Chile, ferner die Entscheidung für die nicht risikofreie Gründung der Gemeinschaft in Nigeria sowie die Weiterentwicklung der Gründung in Indien und die Option für eine Dauerpräsens in Rom.
Durch die Initiative von Pater Marmann wurde auch eine Kommission ins Leben gerufen, die in einem langjährigen Dialog mit der Gesellschaft der Pallottiner die gemeinsame, oft konfliktreiche Geschichte zwischen Pallottinern und der Schönstatt-Bewegung bearbeitete und zu einer neuen Annäherung der beiden Gemeinschaften führte. Als schließlich die Gesellschaft der Pallottiner der Schönstattbewegung im Jahr 2013 die Gnadenkapelle im Tal von Schönstatt – die Gründungsstätte der Bewegung – als Geschenk zu ihrem 100-jährigen Bestehen übergab, wurde Pater Marmann von Seiten Schönstatts der erste Rektor des sog. „Urheiligtums“.

Pater Marmann stellte sein gesamtes Wirken und besonders die Jahre seiner Letztverantwortung unter das Motto "Ut omnes unum sint" – „Alle sollen eins sein“ (Johannes-Evangelium 17, 22) – die Bitte Jesu um die Einheit seiner Jünger, im Verständnis seiner Botschaft, in der Liebe zueinander und in der Gemeinsamkeit in der Sendung.

Die Bezugnahme seines Wahlspruches auf die johanneische Botschaft ist kein Zufall. Michael Marmann trug seinen zweiten Vornamen "Johannes" mit Bedacht. In ihm klingt die kontemplative Seite seines geistlichen Lebens an und die Jahre, die er in der Anbetungsgemeinschaft der Schönstatt-Patres auf Berg Sion verbrachte. Mit dem Liebesjünger teilte er die Liebe zum WORT, – was sich gerade auch in einer erstaunlichen Kenntnis des Gründerschrifttums zeigte – und auch eine sohnhaft-freundschaftliche Verbundenheit mit dem Gründer selbst.

Johanneisch ist in gewisser Weise auch die fast selbstverständliche Offenheit von Pater Marmann für eine größere Gemeinsamkeit der geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen, zunächst im Raum der Kirche in Deutschland, schließlich vor allem aber auch im Netzwerk "Miteinander für Europa". Insbesondere mit Chiara Lubich, der Gründerin der Fokolar-Bewegung, aber auch mit Helmut Niklas (CVJM), Andrea Riccardi (Sant‘ Egidio), Friedrich Aschoff (Charismatische Gemeindeerneuerung) und anderen, wusste er sich in einer tiefen, spirituellen Einheit – in der festen Überzeugung, dass die Einheit der Kirchen und ihrer Aufbrüche eine entscheidende Voraussetzung ist für ein neues Lebensband zwischen der autonomen, zersplitterten Welt und ihrem unendlichen Ursprung.

Möge nun Gott, der „Gott des Lebens“, in seiner Liebe das irdische Wirken unseres Pater Michael Marmann vollenden und ihm die „Fülle des Lebens“ in seiner Gegenwart und in seinem unvergänglichen Licht schenken. Mögen auch die Impulse, die von Pater Marmann ausgegangen sind, weiterwirken und zur wachsenden Einheit von Kirche und Welt beitragen. – „Ut omnes unum sint“!

P. Theo Breitinger

Provinzial


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