Ein Herz, das für den Osten brannte

- Pater Dr. Rudolf Chrysostomus Grill verstorben

Liebe zog zur Heilsvollendung
uns in ewigen Wortes Sendung,
lässt uns teilen treu sein Los,
macht uns als sein Werkzeug groß.
Josef Kentenich, Himmelwärts
 

Gott, der barmherzige Vater, hat unseren Mitbruder Pater Dr. Rudolf Chrysostomus Grill am 10. Juli 2020 im Alter von 79 Jahren zu sich in sein ewiges Licht heimgerufen. Wenige Tage zuvor begab sich Pater Grill mit starken Schmerzen ins Krankenhaus nach Montabaur, wo eine weit fortgeschrittene mehrfache Krebserkrankung bei ihm festgestellt wurde, an der er kurze Zeit später verstarb. In den letzten Tagen konnten ihn immer wieder einzelne Mitbrüder besuchen, mit ihm reden und beten und ihn auf dem letzten Stück seines Lebenswegs begleiten.

Pater Grill gehörte zu den unverkennbar markanten Mitgliedern der Sion-Provinz der Schönstatt-Patres – nach Herkunft, Persönlichkeit und Ausrichtung.

Er kam als eines von 11 Geschwistern in einer großen Familie in Tichtihöfen / Böhmerwald auf einem weitläufigen bäuerlichen Anwesen, das seit jeher im Besitz der Vorfahren war, zur Welt. Mehr als gewöhnlich war Pater Grill geprägt von seiner Herkunftsfamilie, ihrer Originalität, ihrem Zusammenhalt und Schicksal, insbesondere ihrer Vertreibung nach dem 2. Weltkrieg und einem neuen Fußfassen im schwäbischen Wasseralfingen. Das war nicht leicht für die Großfamilie und eine erhebliche Herausforderung, welche von den tiefgläubigen Eltern mit starkem Gottvertrauen angenommen und gemeistert wurde. 

Die gläubige Atmosphäre im Raum der Familie war wohl auch Quellgrund für den Wunsch Rudolf Grills, Priester zu werden. Nach seiner Grundschulzeit in Wasseralfingen machte er sich auf den Weg zum Abitur – zunächst durch den Besuch des Privat-Gymnasiums in Königstein / Taunus wie des Staatlichen Gymnasiums in Ellwangen, wo er 1960 die Reifeprüfung ablegte. Daran schloss sich die philosophisch-theologische Ausbildung an den Universitäten Tübingen und München an, ergänzt durch ein Zusatzstudium am Katechetischen Institut in München und am Institutum Orientale in Rom, dem päpstlichen Institut für die Ostkirchen-Kunde.

Letzteres weist bereits darauf hin, dass sich in Rudolf Grill während seiner Studienjahre eine Ausrichtung klärte, die mehr war als geistiges Interesse – vielmehr ein Hingezogensein zur Welt der Orthodoxie, zu Spiritualität, Theologie und Liturgie der östlichen Kirchen, insbesondere zum Mönchtum des Berges Athos.

Für unsere damals noch in den Anfangsjahren stehende Gemeinschaft war es keine Selbstverständlichkeit, einen jungen Mitbruder für einen solchen Spezialweg freizustellen. Zum Glück lebte der Gründer Pater Kentenich noch, und dieser ermunterte die damalige Leitung, solche oder ähnliche Berufungen als möglichen Anruf "von oben" zu betrachten. Pater Kentenich schien förmlich darauf zu warten, dass der Geist Gottes Berufungen schenkt, die dazu beitragen, den gesamten Universalismus der Bewegung auszuprägen, konkret in der „pars motrix“-Gemeinschaft der Schönstatt-Patres, und damit Schönstatt "allmählich auf den Osten einzustellen".

Für Rudolf Grill selbst waren die Studienjahre am Institutum Orientale in Rom eine ungewöhnlich gute und fruchtbare Zeit. Selten habe es einen so "eifrigen und kompetenten" Diakon gegeben, so sagten einige alte Jesuiten-Professoren dort. Die vielstündige Feier der Osternacht am Russicum hat ihn für sein Leben geprägt. In manchem Jahr hörte er die Tonbandaufnahmen, die er damals gemacht hatte, noch nach der "westlichen" Feier der Auferstehungsnacht an. Für Pater Grill war es eine Freude, in späteren Jahren die damals grundgelegten Kenntnisse nochmals aufgreifen und mit dem Doktorat abrunden zu können.

Der "Ostkirchler" Rudolf Grill wurde am Allerheiligentag 1968 in der Anbetungskirche in Schönstatt von Bischof Heinrich Tenhumberg zum Priester geweiht und absolvierte in dessen Diözese Münster seine ersten Priesterjahre als Kaplan in Steinfurt.

Dann begann für den nunmehr ausgebildeten Schönstatt-Pater Rudolf Grill über Jahre hinweg eine Tätigkeit in einer doppelten "Schiene": Einsätze unterschiedlichster Art in der deutschen Schönstatt-Bewegung auf der einen Seite, auf der anderen Seite aber auch länger dauernde Reisen in östliche Länder mit einem doppelten Ziel, die Botschaft Schönstatts weiterzugeben und Kontakte zu ostkirchlichen Kreisen zu knüpfen.

Pater Grill war eine große Bereitwilligkeit eigen, vielfältige Arbeiten zu übernehmen, zumal wenn Not am Mann war: Eine Reihe von Jahren war er "doppelter" Standesleiter sowohl der Mädchenjugend wie auch der Frauenliga; hinzu kamen immer wieder Aufgaben im Rahmen der Gemeinschaft, sei es als Rektor oder für Aufträge, für die gerade jemand gebraucht wurde. Dabei kam ihm eine gewisse nüchterne Zielstrebigkeit zugute, die ihn befähigte, zu bewältigen, was durchzutragen war. Sie ließ ihn gleichwohl auch immer wieder Zeit finden, sein Ostapostolat nicht aus dem Blick zu verlieren, bis schließlich eine weitgehende Freistellung für den Osten ihm die Möglichkeit eröffnete, kontinuierliche Aufbauarbeit zu beginnen.  

Eine Pionieraufgabe, willkommen für jemanden, der gerne in apostolisches Neuland vorstößt, aber auch nicht leicht, wenn es darum geht, "Schönstatt" anwachsen zu lassen in Ländern und kirchlichen Milieus, in denen es noch nicht eingewurzelt war. Zumal wenn es darum ging, die "Ostsendung" Schönstatts in ihrem gesamten Umfang nicht aus dem Blick zu verlieren und nach Konkretisierungen Ausschau zu halten. Für den Gründer umfasste diese nicht nur die Welt der Orthodoxie, sondern ebenso die Länder des europäischen Ostens und die Auseinandersetzung mit der kommunistischen Prägung bei den meisten von ihnen – in der Zeit vor der Wende und fortdauernd darüber hinaus.

Pater Grill versuchte, schwerpunktmäßig Akzente zu setzen. So hat er versucht, den Ort Schönstatt als geistliches Zentrum aufzuschließen für die Feier der ostkirchlichen Liturgie und durch die Gründung von Gebetskreisen, in denen das Jesus-Gebet kontinuierlich gepflegt wurde. Seine über Jahre hinweg gehaltenen Ost-Tagungen haben mitgeholfen, den geistigen Radius Schönstatts zu weiten.

Im Blick auf die Weitergabe der Botschaft Schönstatts in östliche Länder konzentrierte sich der Einsatz Pater Grills mit der Zeit vor allem auf das ehemalige Jugoslawien (Kroatien, Slowenien, Bosnien) und auf das Heilige Land mit seinen verschiedenen christlichen Traditionen. Stets war es ihm ein Anliegen, die Gottesmutter selbst Fuß fassen zu lassen in den einzelnen Gebieten, zumal in einer großen Anzahl von Hausheiligtümern, zu denen er Anregungen gab, aber auch in öffentlich zugänglichen Gottesdiensträumen – von Jerusalem bis St. Petersburg. Bis in seine letzten Jahre hinein optimierte er seine Sprachkenntnisse in nahezu allen slawischen Sprachen, um möglichst leicht in Kontakt mit den Menschen vor Ort zu kommen.

Es ist nicht verwunderlich, dass auch bei seinem hochherzigen und konsequenten Einsatz ein solcher Pionierdienst nicht rundherum erfolgsgekrönt sein konnte, sondern immer wieder auch mit Enttäuschungen verbunden war. "Da habe ich Misserfolg gehabt", so lautete eine der offenen Stellungnahmen unseres Mitbruders – ein Eingeständnis, das nicht selbstverständlich ist im Rahmen einer leistungsorientierten Männergemeinschaft!

Pater Grill war ein Pionier. Von vorübergehenden Ausnahmen abgesehen, musste er durchweg ohne Team und in gewisser Weise ungeschützt und damit schicksalhaft allein „Bote und Botschaft" sein. So konnte es nicht ausbleiben, dass mancher Einsatz ihn gelegentlich auch schmerzhaft mit der Einseitigkeit seiner Persönlichkeitsstruktur konfrontiert hat. Solche Erfahrung mag ihm mitunter auch nahegelegt haben, nach einer gewissen Zeit bereitwillig nach personellen Alternativen Ausschau zu halten.

Welchem Apostel-Schicksal blieb dies erspart? Indessen hat der Himmel selbst andere Werkzeuge gerufen und benutzt, um das, was Pater Grill grundgelegt hat, zur Entfaltung zu bringen. Wir denken zum Beispiel an Kroatien, wo inzwischen zwei Original-Schönstattheiligtümer entstanden sind.

In allen Einsätzen und Arbeitsgebieten blieb unser Mitbruder immer der, der er war: ein gradliniger und konsequenter Charakter – nicht immer umschwärmt, aber durchweg respektiert und geschätzt, wenn es um persönliche Glaubwürdigkeit und authentische Kirchlichkeit ging. In dieser Stunde wäre es ihm sicher ein ausdrückliches Anliegen, all denen ein herzliches „Vergelt`s Gott“ sagen zu können, die ihn und das "Ost-Sekretariat" oft über eine lange Zeit hinweg geistlich und materiell unterstützt haben.

In der zweiten Lebenshälfte wurden Pater Grill wichtige Aufgaben im Raum Schönstatt anvertraut: 1992 - 1999 die Wallfahrtsleitung von Seiten der Patres und damit die Vertretung der Wallfahrtsbewegung im Zentralrat. In den Jahren 2000 - 2012 war er über zwei Amtsperioden hinweg Geistlicher Assistent des deutschen Familienbundes, eine Aufgabe, die er mit großem Verantwortungsbewusstsein wahrgenommen hat und die sein Priestertum tief geprägt hat. Dabei kann erneut unterstrichen werden: Seine Bereitschaft, sich ganz zur Verfügung zu stellen für den Dienst, der ihm übertragen wurde; seine unbeirrbare Treue zum Schönstatt-Geheimnis als Kern aller Pilgerseelsorge und eine unbestechliche Kirchlichkeit in allen Fragen des ehelichen und familiären Lebens, die an ihn von Seiten der Kurse und der Gebietsgemeinschaften des Familien-Bundes herangetragen wurden.

Von den Äußerungen der Wertschätzung, die ihn während seiner Krankheit erreicht haben, mag eine – stellvertretend für andere – erwähnt werden: „Wir möchten Ihnen danken, dass Sie uns immer unterstützt haben mit wertvollen Hinweisen und der richtigen Literatur von Pater Kentenich. Wir wissen das sehr zu schätzen.“

Für diese letzte Schaffensperiode bleibt zu erwähnen, dass unser Mitbruder zwei Aufgaben gleichzeitig schulterte: Neben seiner Tätigkeit beim Familienbund engagierte er sich bei den Barmherzigen Brüdern in Montabaur und in der dortigen Krankenhausseelsorge – ein Arbeitspensum, das ihn auf die Dauer kräftemäßig überfordert hat, ohne dass er selbst und andere es so recht merkten.

Der Blick auf die letzten Wochen seines Daseins unter uns schenkt uns nochmals ein authentisches Bild von dem, woraus und wofür unser Mitbruder gelebt und gewirkt hat: Der letzte Monat seines Lebens war von Unsicherheit und heftigen Schmerzen gekennzeichnet, weil drei Wochen lang keiner der vielen konsultierten Ärzte die eigentliche Ursache seiner Beschwerden diagnostizieren konnte. Als dann endlich im Krankenhaus in Montabaur ein doppelter, aggressiver Krebs festgestellt wurde, setzte er sich bewusst mit dem Sterben auseinander. Zuerst bat er um die Krankensalbung, die er so manchem Kranken gespendet hatte. Er vollzog sie ganz bewusst mit und beim Schlusssegen atmete er zweimal tief auf. Er fühlte sich sichtlich erleichtert.

Deutlich wahrnehmbar waren es drei Quellen, aus denen er Trost schöpfte: Die Verbundenheit mit seiner Familie, die ihn aus der Ferne intensiv begleitete – noch wenige Tage vor dem Heimgang betete er auswendig mit deutlicher Stimme das Weihegebet der Familie – und mit der Sionsgemeinschaft. Ferner das immerwährende Jesusgebet, das er bis zum letzten Tag – wenn auch mit Mühe – mitmurmelte. Und schließlich das Stoßgebet von Schwester Emilie Engel „Ita Pater, ita Mater, in aeternum“. Für ihre Seligsprechung wollte er sein Leben anbieten. Nach schwerer Atemnot in den letzten drei Stunden seiner Krankheit hat Gott ihn nun heimzurufen in seine Gegenwart. Friedlich schlief er ein, sein Gesicht war entspannt.

Pfarrer Müller, zuständig für die Seelsorge im Montabaurer Krankenhaus, bezeugt: „Ich hatte in den letzten Wochen den Weg von Pater Grill ein wenig begleiten können und ihm am Freitagmorgen noch die Kommunion gebracht. Mein Eindruck war, dass er sehr bewusst auf seinen Heimgang zugegangen ist und gut vorbereitet war.“

Pater Theo Breitinger
Provinzial

Schönstatt, Berg Sion, 16. Juli 2020


1 Kommentar

  • Ich freue mich, dass ich nach meiner Mädchenjugendzeit Pater Grill bei einem Treffen in der Heiligen Messe 2017
    in Schönstatt wiedersehen durfte. Wir waren eine ganz kleine Gruppe (5). Er sprach in der Sonnenau immer davon,
    dass er sich eine Osthilde wünscht. Herr gebe ihm die ewige Ruhe.
    Rebekka Henle, Oberland

    Rebekka Henle

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